Information statt Infotainment - Aus Liebe zur Freiheit
Freiheit ist für mich nicht nur ein Wort. Freiheit ist mein Lebensgefühl. Den politischen Freiheitsbegriff mit Leben zu füllen, dafür engagiere ich mich. Voraussetzung dafür ist für mich, dass ich mir meine eigene Meinung bilden kann. Für meinen Meinungsbildungsprozess setze ich auf Zahlen, Daten und Fakten - und nicht auf vermeintliche Informationen, die durch emotionalisierten Content und Polarisierung mir meine Meinungsbildung vorwegzunehmen versuchen. Aktuell sehe ich mit Blick auf Nachrichten-Headlines im Netz eine Entwicklung, die zumindest fragwürdig ist.
Für mich gilt es heute mehr denn je unsere freiheitliche demokratische Grundordnung gegen Angriffe von linken und rechten Populisten zu verteidigen - aus dem Inland wie aus dem Ausland. Facebook, Twitter & Co. bieten ihnen eine größere Spielfläche als jemals zuvor, auf der sie ihr Arsenal an Fake News, Beleidigungen, Verleumdungen und übler Nachrede verbreiten können.
Als Freier Demokrat gebe ich der Vernunft die Vorfahrt. Deswegen stehen für mich auch bei der Informationsbeschaffung Zahlen, Daten und Fakten im Vordergrund - und kein Infotainment, bei dem Entertainment und die Emotionalisierung von Content die Information in den Hintergrund rücken.
Information versus Emotion?
(Massen)medien vermitteln nicht nur Informationen über Ereignisse, Themen, Menschen oder Produkte. Insbesondere bei Katastrophen und anderen dramatischen Ereignissen berichten Medien in emotionaler Weise. Der Klimawandel beispielsweise verdeutlicht, dass solche Themen für Massenmedien vor allem dann einen hohen Nachrichtenwert haben, wenn sie direkt mit menschlichen Aktivitäten - Tun oder Unterlassen - in Verbindung gebracht werden können. Wenn menschliches Tun oder Unterlassen als mögliche Ursachen für beobachtbare und erfahrbare Probleme identifiziert werden können, eröffnet sich die Möglichkeit einer Polarisierung: Wer ist verantwortlich? Wer hat Schuld? Wer hat wann wo versagt? Wenn einem Akteur nicht nur Nachlässigkeit und Fehleinschätzung, sondern auch moralische Verfehlungen vorgeworfen werden können, dann ist das politische Potenzial einer Naturkatastrophe groß.
Emotionalisierung auf leisen Sohlen
Der frühere Landrat des Kreises Ahrweiler, Jürgen Pföhler (CDU), steht seit der Flutkatastrophe, bei der in der Nacht vom 14. auf den 15. Juli 2021 alleine in Rheinland-Pfalz 135 Menschen starben, 134 davon im Ahrtal, unter Beschuss: Die Staatsanwaltschaft Koblenz ermittelt gegen Pföhler wegen womöglich zu später Warnungen und Evakuierungen in der Flutnacht. Es geht um den Verdacht der fahrlässigen Tötung und fahrlässigen Körperverletzung im Amt. So viel zur Faktenlage.
SWR Aktuell berichtete am 8. Juli 2022 in Zusammenhang mit der Aussageverweigerung von Pföhler vor dem Untersuchungsausschuss darüber, dass ein Ermittler des Landeskriminalamtes (LKA) den Ex-Landrat in seiner Zeugenaussage schwer belaste: Während der Flutkatastrophe „kümmerte sich Pföhler offensichtlich mehr um private Dinge als um den Schutz der Menschen im Kreis Ahrweiler.“ Beobachtet worden sei auch, „dass der Porsche des Landrats weggefahren wurde, offenbar um den Sportwagen in Sicherheit zu bringen.“ https://www.swr.de/swraktuell/rheinland-pfalz/ex-landrat-pfoehler-im-flut-untersuchungsausschuss-erwartet-100.html.
Die Information im Beitrag von Dirk Rodenkirch ist an dieser Stelle die Beobachtung einer namentlich nicht genannten Person, dass der Wagen von Jürgen Pföhler weggefahren wurde - vermutlich um das Auto in Sicherheit zu bringen. „Porsche“ und „Sportwagen“ implizieren, dass der Ex-Landrat sich ein Statussymbol zugelegt hat. In Zusammenhang gebracht mit dem Verdacht der fahrlässigen Tötung und fahrlässigen Körperverletzung im Amt: Pföhler (CDU) ist in der Flutnacht sein Porsche wichtiger gewesen als der Schutz der Menschen im Kreis Ahrweiler - oder, frei übersetzt: Zuerst rettet der Landrat und das CDU-Mitglied Jürgen Pföhler seinen Porsche - für Warnungen und Evakuierung ist dann immer noch Zeit. Was hier bei nicht wenigen Leser:innen hängengeblieben sein dürfte: Jürgen Pföhler = statusgeiler und menschenverachtender Egomane. Im Beitrag wird der Beamte des LKA abermals zitiert: „Er hat sich in Sicherheit gebracht und wenige Nachbarn in seinem unmittelbaren Umfeld gewarnt.“ Das Bild wird allein durch die Auswahl dieses Ermittlerzitats rund - ohne dass Attribute wie „statusgeil“ und „menschenverachtend“ explizit formuliert werden müssen: Das ist Emotionalisierung auf leisen Sohlen.
Information 1st - Alarmismus 2nd
Medien selektieren, interpretieren und emotionalisieren - und sie haben eine Grundtendenz zum Alarmismus. Diese Tendenz wird durch die bisweilen prekäre ökonomische Lage der traditionellen Medienhäuser und die Konkurrenz durch Facebook, Twitter & Co. verschärft. Wissenschaftlich gut belegt ist die Kultivierungsthese aus der Kommunikationswissenschaft, die besagt, dass sich Darstellungsmuster in den Medien auf Stimmungen oder Ängste in der Bevölkerung auswirken. Der Klimawandel etwa ist längst Wirklichkeit, die sehr ernst genommen werden muss. Aber er ist eben nicht für alles direkt verantwortlich. Ein gutes Beispiel beinhaltet der lesenswerte Artikel von Anton Sahlender in der Mainpost vom 31. Januar 2020 - etwas älteren Datums, aber immer noch aktuell: „Fragezeichen in Schlagzeilen wohlüberlegt setzen“:
„Unter ‚Blitze schlugen in zwei Häuser ein‘ (22.06.), fragte die Unterüberschrift: ‚Ist das der Klimawandel oder durchwachsenes Wetter?‘ Die Frage hat erstaunt. Hat doch im Artikeltext ein Diplom-Meteorologe des Deutschen Wetterdienstes unwidersprochen erklärt: ‚Mit dem Klimawandel hat das zunächst nichts zu tun. Das sind ganz normale Gewitter.‘ Sachlich nüchtern hielt der Experte fest, dass derzeit eben mit einer südwestlichen Strömung feuchtwarme Meeresluft nach Deutschland gelange.“ https://www.mainpost.de/ueberregional/meinung/leseranwalt/fragezeichen-in-schlagzeilen-wohlueberlegt-setzen-art-10283721
Selbst wenn Studien besagen, dass im Internet Artikel mit Fragezeichen in Überschriften häufiger angeklickt werden - das darf für seriösen Journalismus nicht zum Maß aller Dinge werden.
Ich erwarte im Nachrichtenteil Informationen - Zahlen, Daten, Fakten und deren Einordnung - und keine Fragen. Ebenso wenig stellen mich Tweets zufrieden, die vor allem im Fernsehen, auch bei den öffentlich-rechtlichen Sendern, zitiert werden. Twitter ist gewiss das schnellere Medium, insbesondere bei Unglücken und Katastrophen, aber ebenso wie Facebook auch ein Gerüchtemedium - und eben nicht ein Sender etwa für erhellende Interpretationen. Tweets vorzulesen, um zu signalisieren, dass man das Ohr auf der Schiene hat und dem Volk aufs Maul schaut, hat weder Nachrichtenwert noch Informationsgehalt.
Neue Wege gehen
Informieren - gut recherchierte und vermittelte Zahlen, Daten und Fakten liefern - und einordnen, das erwarte ich von professionellem Journalismus gerade in Zeiten wie diesen. Klimawandel - oder ein ganz normales Gewitter? Der Druck, alles immer sofort einzuordnen, führt in manchen Medien zu einem geradezu hysterischen Ton. Klimawandel, Klimakatastrophe, Weltuntergang… diese Aufzählung lässt sich mit Blick auf Artikelüberschriften von Nachrichten nicht nur im Internet beliebig steigern.
Ich halte die Art, wie heute Nachrichten-Headlines im Netz und via Social Media bisweilen formuliert werden, für eine demokratisch verfasste Gesellschaft, in der es am Ende des Tages darum geht, unterschiedliche Standpunkte zu diskutieren, für zumindest fragwürdig: Im Netz entsteht Relevanz durch Masse. Wenn Klicks, Likes oder Kommentare zum Gradmesser für die Resonanz auf mediale Beiträge werden, die banalisieren, emotionalisieren, simplifizieren oder vorverurteilen, dann dreht die Alarmismus-Spirale immer schneller und unsere Gesellschaft befindet sich letztendlich im Shitstorm-Modus: Wer am meisten geklickt wird, scheint am wichtigsten zu sein. Wer am lautesten schreit, wird auch gehört. Die leisen Töne gehen unter: Wissen, Tiefgang und kritische Reflexion, die Voraussetzung für einen eigenen Standpunkt sind, scheinen out zu sein.
Ich wünsche mir einen Informationskanal, der diesem Namen gerecht wird. Idealerweise ist das ein Mix aus Kurznachricht, Bericht und Info-Kasten - und kein Mischmasch aus Information inklusive Emotionalisierung (auf leisen Sohlen) und Alarmismus, Einschätzungen und Meinungen. Das kann eine gut nach den klassischen Ressorts einer Tageszeitung - Politik, Wirtschaft, Kultur, Lokales und Sport - gegliederte Website sein.
Das Rad muss auch nicht neu erfunden werden. Erster Vorschlag: Wenn der News-Dienst upday, der gemeinsam von Samsung und Axel Springer SE für Smartphones entwickelt wurde, sich etwa entscheiden würde, sein Angebot um ein Infoportal zu ergänzen - frei von Headlines mit Fragezeichen wie „Kommt der Wut-Winter? - Forscher rechnet mit Sachsen als Hotspot“/upday am 17. August 2022. Dann wäre viel gewonnen: Die Leser:innen könnten frei entscheiden, ob sie sich infotainen lassen oder informieren wollen.
Informieren statt „Klick und Kick“
In Onlinemedien gibt es heute nur eine Währung: den Klick, der als Verkaufsargument bei einem (potenziellen) Werbe- und Anzeigepartner gilt. Das verändern zu wollen, wäre illusorisch. Den Leser:innen, die sich informieren wollen, eine bezahlte Dienstleistung in Form eines stets aktuellen Infoportals an die Seite zu stellen, ist realistisch. Das, was reine Information ist, lässt sich von einer kleinen Nachrichtenredaktion ohne viel Aufwand aus dem Blabla der Infotainment-Beiträge herausfiltern, zum Teil automatisiert. Ich bin davon überzeugt, dass vielen Leser:innen der Zugang zu reinen Informationen ein kleines Handgeld wert ist.
Alternativ zum Bezahlmodell könnte das Infoportal ähnlich funktionieren wie das Nachrichtenportal www.dpa-news.de. Mit dem Portal ermöglicht die Deutsche Presse-Agentur redaktionell Verantwortlichen - unter anderem Blattmachern, Programmchefs oder Online-CvDs - einen schnellen Zugang zum Informationsangebot der Nachrichtenagentur. Die dpa ist eine GmbH mit rund 170 Gesellschaftern. Die Anteile halten Zeitungs- und Zeitschriftenverlage, Rundfunkanstalten und -gesellschaften.
Zielgruppe des Infoportals wären keine Profis, sondern der vielzitierte „Otto Normalverbraucher“. Vorteil des dpa-Gesellschaftermodells für das Infoportal: Einzelne traditionelle Medienhäuser würden mit dem Aufbau und Unterhalt nicht überfordert.
Infofluss wäre ein schöner Name für dieses Infoportal - frei von Anglizismen und Marktschreierei. Alles fließt - auch die Information: Stets aktuell und unaufgeregt. Ein Fluss eben - und kein Wildwasser.
Markus Tofote